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Foto by: "Jemp"

Persönliches / Teil 1: „Anfang“

„Freedom’s just another word for nothing left to lose“

Im Herbst 2012 reiste ich in einem abgewrackten Kombi die portugiesische Atlantikküste entlang. Im Rückspiegel rauchten die Trümmer eines Lebens, das nicht zu mir gepasst hatte und vor mir erstreckte sich der Horizont.

Zwei Jahre zuvor hatte ich ein Studium begonnen, von dem mir eigentlich direkt klar war, dass es mich zu keiner Minute begeistern würde.  Für dieses Studium war ich in eine triste Kleinstadt mitten ins Nirgendwo gezogen, sah Freundin, Freunde und Familie nur noch am Wochenende und überhaupt verlor ich langsam die Nerven.

Ich bin ein umtriebiger Mensch und muss immer irgendwie kreativ/produktiv sein. Aber anstatt hier irgendetwas zu schaffen, hämmerte ich mir Thesen und Statistiken rein und vegetierte am Schreibtisch oder in der Bibliothek vor mich hin, um nachher beim Multiple-Choice-Test das richtige Häkchen zu setzen. Ich habe in zwei Jahren Studium nicht einen einzigen eigenen Gedanken formulieren müssen. Meine (Fern-)Beziehung scheiterte, Freundschaften verloren sich durch die Distanz. Ich ging ein wie eine Primel und steuerte zielsicher auf einen Totalausfall zu…das war nicht mein Leben..

Irgendwann kam dann der Tag, an dem ich mitten in der Klausur einfach nicht mehr den Stift ansetzen wollte. Ich gab ein leeres Blatt ab, stand auf und ging. Ich räumte mein Zimmer im Studentenwohnheim, drückte dem verdutzten Hausmeister den Schlüssel in die Hand, schnallte mein Surfbrett aufs Dach und fuhr gen Süden. Ich hatte keinen Plan für die Zukunft, aber weitermachen wie bisher war keine Option.

Die ersten Wochen tat ich nicht viel – Ich fuhr Surfspots ab, schlief im Kofferraum meines Wagens, lernte neue Menschen kennen, war konstant draußen, und atmete endlich wieder Luft, die nicht durch eine Bibliotheksklimaanlage gefiltert wurde. Ganz langsam verschwand der zähe Dunst der letzten Jahre aus meinem System und ich versuchte mir darüber klar zu werden, was ich eigentlich wirklich mit meinem Leben anfangen wollte.

Den größten Einfluss in meinem Leben hatte, neben dem Surfen, immer die Musik. Als ich mit 7 Jahren das erste Konzert meines Lebens sah, war mir klar, dass ich Musik machen „musste“ ! Ich nervte meine Eltern solange, bis ich eine Gitarre bekam und mit 11 Jahren hatte ich meine erste Band. Mit 16 war ich Sänger einer lokal bekannten Rockband, mit der ich sechs Jahre lang durch NRW tourte. Wir produzierten zwei CD´s, gewannen diverse Contests und hatten sogar mal Kontakt zu interessierten A&R´s von Major-Plattenfirmen. Fragte man mich damals nach meinen Zielen, sagte ich, ohne einen Moment nachdenken zu müssen, „Berufsmusiker“.

Aber wie das so läuft..nach ein paar Jahren war die Luft raus. Die meisten von uns hatten erreicht was sie erreichen wollten. Meine Bandkollegen starteten nun in Ihren Jobs durch, gingen zum Militär oder bekamen Kinder. Ich ging ein Jahr auf Weltreise und nach meiner Rückkehr begann ich das Studium.  Nebenbei versuchte ich immer irgendwelche Musik-Projekte mit anderen Musikern anzuleiern, fand aber keine funktionierende Konstellation. Die Vorstellungen und Ambitionen waren meist zu unterschiedlich. Man kennt das: Der Drummer will einfach nur einmal die Woche was trommeln und ein Bier trinken, der Basser ist ambitioniert aber beruflich eingespannt, dem Keyboarder ist alles egal und der Gitarrist hat schon in der ersten Probe klargemacht, wie die „künstlerische“ Vision aussehen muss damit er bleibt. Ich trauerte oft meiner alten Band hinterher… Es blieb meist bei zwei bis drei Proben, dann war es das. Musik, als großer Bestandteil meines Berufslebens, erschien mir mittlerweile als unrealistische Spinnerei.

Ich machte also nur noch Musik für mich, mein Musikgeschmack hatte sich mittlerweile auch verändert – neben Rock und Indie hörte ich deutlich mehr akustische Musik. Davon beeinflußt hatte ich einige Songs auf der Akustikgitarre geschrieben und spielte diese gelegentlich auch mal im Bekanntenkreis vor. Meine Bekannten mochten es, meine Nachbarn dagegen nahmen eher ungewollt am Schaffensprozess teil. Ihre Kritik erreichte mich meist durch Klopfzeichen, längere Briefe oder auch mal durch den Staatsvertreter. An dieser Stelle ein „Danke“ für die rege Aufmerksamkeit und engagierte Kritik!

Als ich nun den Atlantik entlang fuhr, hatte ich meine Gitarre im Gepäck. Abends blickte ich aufs Meer und klimperte vor mich hin. Immer wieder ergaben sich auch spontane Sessions mit anderen Reisenden, bei denen ich immer irgendeinen neuen Akkord oder Schlagrhythmus aufschnappen konnte. Ich war nie ein Virtuose und wusste auch nicht viel von Harmonielehre, aber aus einem interessanten Akkord und ein paar Wortfetzen entstand oft ein neuer Song. Langsam kamen in mir die alten Wünsche und Träume wieder hoch und vor allem die Erkenntnis, wie wichtig für mich die Musik oder, besser gesagt, das kreative Schaffen ist. Ich meine das nicht esoterisch, ich glaube aber einfach, dass manche Menschen von Grund auf eher gerne forschen, während andere lieber lehren oder handwerklich arbeiten – und ich hab irgendwie den Drang kreativ zu sein.

Das Gefühl es noch einmal mit der Musik probieren zu müssen wurde immer stärker und erschien mir bald als der einzig richtige nächste Schritt. Nach 4 Monaten surfte ich eine letzte Welle an den Strand, schaute noch einmal hinaus aufs Meer und wusste, dass es an der Zeit war nach Hause zu fahren. Ich hatte einen Plan.

 

Nachwort:

So eine Entscheidung zu treffen scheint leicht, wenn man nicht viel zu verlieren hat. Wie man in meinen weiteren Artikeln lesen wird, musste ich mich aber auch danach immer wieder neu für diesen Weg entscheiden oder ihn auch wiederfinden. Dabei habe ich Festanstellungen und Firmenbeteiligungen sausen lassen.. Wer nun glaubt, dass sich die Musik für mich als Weg in die Freiheit herausgestellt hat, der irrt. Musik professionell zu machen, egal ob im Hauptberuf oder semiprofessionell, bedeutet harte Arbeit und wenig Romantik.

 

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