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Foto by: André Baldes

Handfestes / Teil 2: „Lass uns über Geld sprechen“ (Mit eigener Musik Geld verdienen)

In Deutschland redet man ungern konkret über Kohle. Auch der Musiker spricht ominös von der brotlosen Kunst, Selbstausbeutung und den einbrechenden Plattenmarkt. Aber was heißt das konkret in Zahlen? Was kannst Du als Durchschnittsmusiker  im Indie-Genre finanziell oder als Singer & Songwriter erwarten und wie kannst Du mit eigener Musik Geld verdienen? Lass uns also mal ganz offen über Geld sprechen:

Wie in meinem Artikel Handfestes / Teil 1: „Was ist Erfolg?“ beschrieben, halte ich einen Musiker für finanziell erfolgreich, wenn er es schafft mit seiner Musik ein Einkommen zu erzielen, mit dem er sich ohne tägliche Existenzängste finanzieren kann. Dies zu erreichen ist nicht einfach und ein weiter Weg. Damit Ihr nicht, wie ich, ganz von Null anfangen müsst, schreibe ich in diesem Artikel darüber, welche Einnahmequellen es gibt und was dabei finanziell, realistisch, zu erwarten ist und wie Ihr mit eigner Musik Geld verdienen könnt.

Plattenverkäufe

Vor 20 Jahren verdiente die Musikindustrie durch gigantische Umsätze im „physischen Vertrieb“. Also durch Tonträger die man anfassen konnte: Kassetten, Vinyl und CD´s wurden als Original gekauft und das in Massen! Dann kamen 10 Jahre Hochkonjunktur der Raubkopie, die der Musikindustrie immensen Schaden zugefügt hat. Heute wird Musik wieder zunehmend legal, per Download, gekauft. Aufgrund der Monopole im Download- und Streamingsektor (Apple, Spotify, Amazon, usw.) ist Musik allerdings nicht nur sehr billig geworden, sondern es kommt auch sehr wenig vom Gewinn bei den Künstlern an. Mit eigener Musik Geld verdienen? Nicht beim Streaming! Diese Einnahmen sind für den kleinen Musiker so marginal, dass es sich gar nicht lohnt darüber zu sprechen… Rechne in der ersten Zeit mal mit höchstens 50€ im Jahr durch Streaming…

Aber was kannst du an Einnahmen aus Plattenverkäufen, also CD´s, erwarten? Die eigene CD ist heute eher ein wichtiger Merchandise-Artikel, der vor allem bei Konzerten als Erinnerung mit Autogramm verkauft wird. In der Regel lässt sich, nach dem Gig, eine EP für 5-8€ verkaufen und ein Album für 9-15 €. Die Kosten für das Tonstudio und Artwork nicht mit eingerechnet, liegt der Gewinn, aus einem Albumverkauf, bei ca. 10 Euro und ist ein guter zusätzlicher Aufstocker für die Konzertgage.

Konzertgagen

Aufgrund der niedrigen Einnahmen durch Plattenverkäufe, spielen die Top Acts weitaus häufiger Live als früher. Gleichzeitig gibt der Durchschnittsdeutsche lieber einmal im Jahr viel Geld für ein Stadionkonzert oder Mega-Festival aus, als dass er mehrmals wenig Geld für kleine Konzerte ausgibt. Geld für Musik die er nicht kennt!? – Da wir der Igel in der Tasche ganz groß!

Die harte Realität heißt deshalb vor allem in den ersten Jahren „Hutgage“, also eine freiwillige Spende des Publikums. Je nach Location und Publikum variiert das zwischen 50 und 300 €.  Musiker, die schon einige Zeit unterwegs sind, wissen in welchen Locations sich der Hut lohnt und wo nicht. Wenn Du am Anfang stehst, musst Du diese Erfahrung erst einmal sammeln, weshalb Du in den ersten beiden Jahren öfter mal, nach Abzug der Reisekosten, ein Minusgeschäft gemacht haben wirst. Mit der Zeit erspielst Du Dir aber ein Publikum und mehr Erfahrung. Nach 1-2 Jahren wirst Du wissen was sich lohnt und was nicht, und auch die Konzert-Angebote mit „richtigen“ Gage werden zunehmen.

Die nächste Stufe nach der Hutgage ist der „Doordeal“. Hierbei wird der Musiker meist mit 70% an dem Umsatz des Ticketvorverkaufs und der Abendkasse beteiligt. Der Veranstalter teilt sich also das finanzielle Risiko mit dem Musiker. Kommt niemand, haben beide auch keine Einnahmen. Tickets für Singer/Songwriter Veranstaltungen liegen um die 8-15 € und die Räumlichkeiten fassen meist ca. 50 Personen. Wenn es gut läuft, wären das also (je nach VVK-Gebühr) um die 300-500€ für den Musiker. Wenn Du das deutschlandweit schaffst, kannst Du, meiner Meinung nach, schon sehr zufrieden sein. Diese Gagenform ist typisch für Kulturzentren.

Die sicherste und unkomplizierteste Gagenform für Dich ist die „Festgage“. Hierbei trägt der Veranstalter das Risiko allein und bezahlt einen Festpreis für das Konzert. Festgagen liegen bei unbekannten Künstlern zwischen 200€ und 600€ und sind vor allem in der Gastronomie und bei Locations mit Publikums-Abo üblich.

Finanziell sehr interessant sind Festgagen bei sogenannten Gala-Gigs (z.B. Firmenfeiern oder Hochzeiten). Hier muss aber ganz klar gesagt sein, dass Du in der Regel als Dienstleister und nicht als Künstler gefragt bist! Dein Auftritt steht nicht im Vordergrund und die Einsätze verlangen perfekte Organisation und Vorbereitung. Du musst manchmal viele Stunden vor Ort sein und mehrmals auftreten. Das alles solltest Du Dir auch vernünftig bezahlen lassen! 2 Songs bei einer Hochzeitsmesse gehen bei 200€ zzgl. Anfahrt los und lange Einsätze auf Privat oder Firmenevents kannst Du sogar vierstellig berechnen! Bei Firmen solltest Du da auch keine Skrupel haben, denn schließlich sorgst du auch indirekt für Werbung für den Betrieb. Aber achte auch darauf, dass Du hinter dem Produkt des Betriebs stehen kannst! Ich habe beispielsweise schon ein Angebot eines Kleidungsherstellers, der in Dritte-Welt-Ländern produzieren lässt, abgelehnt, weil ich das moralisch ablehne.

Nicht zuletzt sind dann da noch die Wohnzimmerkonzerte bei Privatleuten, die oftmals unerwartet gut bezahlt werden. Festgagen zwischen 300-500€ sind nicht selten, die Übernachtung ist umsonst und du hast ein sehr persönliches Konzerterlebnis. Ich kenne Künstler, bei denen Wohnzimmerkonzerte den Großteil ihrer Tourliste ausmachen.  Diese Musiker haben eine sehr enge Beziehung zu ihrer Fanbase und können sich damit auch sehr gut finanzieren.

Wie du siehst, wirst Du dich von der Hutspende bis zu den besseren Gagen „hochspielen“ müssen. Es sei denn, Du spielst in der Heimat, wo der Veranstalter weiß, es kommen sicher 60 Freunde von Dir. Es wird 2-3 Jahre dauern bis Du das Gefühl hast, dass finanziell etwas hängen bleibt. Zum Glück gibt es auch noch ein paar weitere Einnahmequellen:

Tantiemen durch Verwertungsgesellschaften

Und hier ist sie, die sagenumwobene und berüchtigte GEMA!

Direkt im Voraus kann ich sagen, dass die GEMA gerade für kleine Musiker, die viel Live spielen, eine der wichtigsten Einnahmequellen darstellt! Dennoch hat sie einen schlechten Ruf – Warum das so ist diskutiere ich ausführlich in einem Artikel  der in der kommenden Woche erscheinen wird: Handfestes / Teil 5: „Die böse GEMA“. Hier möchte ich mich eher auf den finanziellen Aspekt einer GEMA-Mitgliedschaft konzentrieren:

Die GEMA ist technisch gesehen ein Verein, in dem sich Komponisten und Texter, die eigene Stücke schreiben, zusammengeschlossen haben. Jeder Veranstalter, der nun Livemusik in seiner Location aufführen lassen will, jeder Radiosender der Musik spielt und jedes Presswerk dass CD´s mit Musik pressen lässt, braucht dazu die Genehmigung des Urhebers. Also die, des Texters und des Komponisten. Da 95% der Veranstalter, Radios oder Presswerke Geld verdienen wollen, indem sie Musik „nutzen“, ist es üblich, dass der Urheber für seine Erlaubnis zu „Nutzung“ ebenfalls entlohnt werden will. Die Angestellten der GEMA verkaufen also, stellvertretend für Ihre Mitglieder, die Erlaubnis dazu, dass die Musik genutzt werden darf. Weiterhin achten sie darauf, dass der Nutzer auch bezahlt und treiben säumige Zahlungen ein.

Wenn Ihr also GEMA-Mitglied seid, erhaltet Ihr für jedes Konzert bei dem Eure Lieder gespielt werden (egal ob von Euch oder jemand anderem), für jeden Airplay im Radio und jede gepresste CD, von der GEMA Geld. Wenn Ihr es schafft einen bunten Mix von ca. 30- 40 deutschlandweiten Locations und Festivals zu spielen, könnt ihr durchaus schon einen höheren vierstelligen Betrag erzielen. Hier kann ich allerdings keine ungefähren Zahlen nennen, den dafür ist der Verteilungsschlüssel der GEMA zu komplex und jeder Musiker zu unterschiedlich.

Merchandise

Hier kannst kannst Du kreativ werden und Deine Einnahmen signifikant erhöhen. Druck T-Shirts, verkauf CD´s oder USB Sticks. Biete auch kleine Dinge wie Fotos, Plakate, Sticker, Buttons, etc., für Leute an, die eher weniger Kohle haben, aber auch eine Konzerterinnerung haben möchten. Natürlich gehst Du für das Merch in Vorkasse, denn Du musst das alles erstmal produzieren lassen aber wenn Du viel Live spielst wird es sich lohnen.

Vor allem aber kommst Du aber beim Verkauf in Kontakt mit Deinem Publikum! Die Zeit die dort investierst zahlt sich tausendmal wieder aus: In Form von treuen Fans, Konzertangeboten, Followern, Likes und Weiterempfehlungen.

 

Fazit: Du musst Live spielen, spielen, spielen!

Gagen, Einnahmen aus Merchandise, CD-Verkauf und GEMA-Tantiemen für Aufführungen, erhältst du nur durch die Konzerte die du spielst. Wie Du siehst sind möglichst zahlreiche (und bestenfalls gut bezahlte!) Konzertauftritte der wichtigste Faktor für das finanzielle Überleben eines Singer & Songwriters. Wenn Du also mit eigener Musik Geld verdienen willst, ist es zwangsläufig so, dass das Booking, also das Organisieren von Konzertauftritten, der wichtigste organisatorische Bestandteil deiner Arbeit als Musiker sein wird.

Konzertorganisation ist ein sehr schwieriges Geschäft! Du musst lernen Dich und Deine Musik zu verkaufen. Du musst Kontakte für ein umfangreiches Netzwerk aufbauen. Du musst wissen wie man verhandelt und wie man Verträge aufsetzt. Du musst Termine planen, Reisen und Übernachtungen organisieren und nicht zuletzt auch noch Ankündigungen schreiben und Werbung für das Konzert organisieren. Das alles sind sehr umfangreiche Themen zu denen es auch nicht viele fundierte Tipps im Netz gibt. Ich schreibe deshalb derzeit ein E-book speziell als Ratgeber für Booking und Konzertorganisation für Singer & Songwriter. Du kannst Dich gerne für meinen Newsletter anmelden und erfährst dann auch sofort wann das E-Book zum download bereit steht.

Als Realitätscheck, hier noch ein kleines Rechenbeispiel:

Hier mal ein Rechenbeispiel für einen Singer & Songwriter, der bei einem gut besuchten Konzertabend, in einem Studentencafe, vor 40 Leuten mit Hutgage gespielt hat:

rechenbeispiel_songwriter

Wie Du siehst, ist das am Anfang verdammt wenig Geld! Du solltest versuchen vom Veranstalter eine Übernachtungsmöglichkeit zu bekommen. Wenn Du Pech hast, musst Du auch noch ins Hostel. Zum Glück bekommst Du auch noch etwas von der GEMA dazu, sofern Du Mitglied bist und viele Konzerte spielst! Wie viel Geld das genau sein wird hängt, wie gesagt, von vielen Faktoren ab. Eins wird aber sicher direkt klar – Am Anfang bleibt nicht viel übrig!

Wenn Du dir aber, mit der Zeit, ein größeres Publikum erspielt hast und sich Dein Bekanntheitsgrad durch gutes Marketing und treue Fans erhöht, kann die Rechnung aber irgendwann so aussehen:

geld verdienen mit MusikDa diese Veranstaltung größer war und auch ein höherer Eintrittspreis verlangt wurde, bekommst Du auch von der GEMA, zusätzlich, einen weitaus höheren Betrag ausgezahlt.

Natürlich hängt die Gagenhöhe auch von Deinem Verhandlungsgeschick ab. In meinem E-Book „Konzert-Booking für „Singer & Songwriter“ werde ich viele Strategien für das Aushandeln von Gagen beschreiben.

Das war mein Einblick in die Finanzen eines kleinen Musikers und ich werde in zukünftigen Artikeln sicher immer wieder Tipps dazu geben, wie ihr mit eigener Musik Geld verdienen und Euren Lebensunterhalt bestreiten könnt. Falls Du individuelle Fragen hast, melde Dich gerne bei mir. Solltest Du generell auf der Suche nach einer kompetenten Beratung für Deinen Weg zum Berufsmusiker sein, ist vielleicht mein Musiker-Coaching etwas für Dich: http://songwriter-blog.de/coaching/

Bis zum nächsten mal, André

2 comments

  1. Detlef Bauer says:

    Erst mal Frohe Ostern.
    Als 1.Vorsitzender eines Vereins, der ein Kulturhaus mit Veranstaltungsstätte betreibt, interessieren mich selbstverständlich auch die Blickweisen der Musiker… zumal dieses Haus „auf dem Land“ existiert und nicht in einer Großstadt. Wir müssen das Haus eigenständig betreiben und kennen diese Diskusionen mit den Musikern. Leider ist es in der Provinz wesendlich schwieriger 100 Gäste in unser Haus zu locken, auch wenn der Musiker schon etwas bekannter ist. Die Hut-Variante lehnen wir ab, da wir selbst auch Einnahmen generieren müssen, bei der „Doordeal“-Variante gehen wir sogar auf 60/40 bis 80/20 – Das kommt auf den Bekanntheitsgrad des Musikers an. Festgagen versuchen wir zu vermeiden. Wir können uns negative Einnahmen einfach nicht leisten. Einzige Ausnahme: Wir finden einen Sponsor, der die Festgage zahlt. Der will als Gegenleistung aber auch aufs Plakat! Du hast dich übrigens oben verrechnet bei den CDs für die Hutgage. Da musst du noch 45,-€ an Verdienst abziehen. 3 CDs für 15,- sind nur 45,-€…
    GEMA zahlen wir immer und manchmal auch Hotel. Das sollte bei der Verhandlung aber auch als Gage gelten. Für uns ist es eben „Ausgabe für den Künstler“ und somit Gage! Das ganze Dilemma liegt darin, dass viele Menschen einfach keine Vorstellung davon haben, wie schwierig es für Künstler und Veranstalter ist, über die Runden zu kommen. Außerdem sind die meisten Menschen zu faul, in ein Konzert zu gehen. Die sitzen lieber vor dem Bildschirm und streamen via Youtube, Amazon, etc. das, was gerade so im Radio läuft und das ist eben nicht immer beste Unterhaltung.

    • André says:

      Hallo Detlef,

      erst mal Danke für Deinen Beitrag als „Insider“ !

      Die von Dir beschriebene Situation, dass Livekonzerte immer schlechter besucht werden, ist definitiv auch meine Beobachtung. Ich sehe Veranstalter und Künstler übrigens durchaus im selben Boot und verstehe Deinen Standpunkt: Ehrenamtliche Kultureinrichtungen in ländlichen Regionen haben oft genauso schwer zu kämpfen wie die Musiker! Das ihr in dieser Situation also den Doordeal macht finde ich völlig ok.

      Womit ich Schwierigkeiten habe ist, wenn Künstler ausgenutzt werden: Letztendlich ist ja die „Gage“ und alles was dazu zählt, die einzige Stellschraube neben dem Eintrittsgeld, die der Veranstalter hat um seinen Gewinn oder auch Verlust zu steuern. Da gibt es auch Einige, die die Stellschraube überdrehen: Da wird dann darum gefeilscht, dass der Künstler die GEMA doch selber tragen soll. Oder es wird von Gastronomien mit gut gehendem Ausschank lediglich eine Hutgage angeboten und selbst 50€ Spritgeldgarantie dazuzugeben wäre zuviel. Und dann gibt da auch noch die „Pay to Play“-Veranstalter…

      Ich würde mir wünschen, dass sowohl Kulturschaffende als auch Veranstalter sich nicht gegenseitig in den Preiskriege treiben. Wenn die sich schon nicht mehr wertschätzen, dann wird es das Publikum auch nicht. Man sollte da zusammen durch denke ich. Wenn also mal jemand da einen tatkräftigen Veranstalter/Künstler-Verband aufmachen würde, ich wär dabei!

      PS: Den Rechenfehler habe ich korrigiert – Danke für den Hinweis!

      Viele Grüße,
      André

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